Wir lesen Romane aus den unterschiedlichsten Gründen: Ablenkung, Sinnfindung, Zeitvertreib, you name it. Warum wir aber bei einer Geschichte dranbleiben und weiterlesen, hat vor allem einen Grund: Wir wollen wissen, wie die Sache ausgeht. Und das wollen wir vor allem, wenn uns die Charaktere so richtig packen. Wenn wir mit ihnen mitfiebern, uns mit ihnen freuen und auch mit ihnen leiden.
Doch wie bekommen wir das hin?
Zum einen müssen die Charaktere selbst vielschichtig gezeichnet sein (zum Erschaffen mehrdimensionaler Figuren gibt es im Februar einen gesonderten Blogartikel), zum anderen müssen wir wissen, was in ihnen vorgeht. Denn nur, wenn wir die Motive der Handelnden verstehen, kommen wir ihnen auch persönlich nahe. Und das geschieht vor allem über eine Sache: die Innenschau (oder auch »Innenperspektive« oder »Innenleben« genannt)
Die Kommentare, die ich in Inhaltslektoraten mit Abstand am häufigsten verfasse, sind jene zur Innenperspektive der handelnden Figuren.
Beispiel gefällig?
Was genau ist diese mysteriöse Innenschau aber eigentlich?
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Gedanken
Erklärt sich eigentlich von selbst, aber: Alles, was der Protagonistin in dem Moment durch den Kopf geht. Idealerweise sind die Gedanken auf die jeweilige Situation bezogen – oder die Situation erlaubt es, dass die Gedanken auf Wanderschaft gehen (eine langweilige Fernsehsendung läuft oder die Protagonistin sitzt auf einer Parkbank und schaut auf die Wasseroberfläche eines Sees)
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Motivation (innere und/oder äußere)
Was will die Protagonistin erreichen? Will sie das für sich selbst oder für andere? Oder ist sie ein Opfer ihrer Umstände und wird zu etwas gezwungen, das sie nicht tun will oder das ihren Werten zuwider läuft?
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Emotionen (primäre und sekundäre)
Primäre Emotionen sind das, was uns unmittelbar trifft: Stolz, Zuneigung, Sehnsucht, aber auch Traurigkeit, Einsamkeit und (berechtigter) Ärger. Sekundäre Emotionen entstehen dann, wenn primäre Emotionen durch Vermeidung oder Bekämpfung bewältigt werden. Zu ihnen gehören Angst, Scham, Schuld, Eifersucht und Neid. Was also fühlt unsere Protagonistin in der jeweiligen Situation? Ist ihre Reaktion unmittelbar oder will sie etwas verdrängen?
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Bedürfnisse (vgl. Bedürfnispyramide nach Maslow)
Der US-amerikanische Psychologe Abraham Maslow hat die menschlichen Bedürfnisse in fünf aufeinander aufbauende Bereiche eingeteilt, von Grundbedürfnissen (Defizitbedürfnissen) bis hin zu Wachstumsbedürfnissen wie Selbstverwirklichung (wer mehr darüber erfahren will: online finden sich zahlreiche Quellen). Wo steht eure Protagonistin gerade? Was braucht sie? Hier gilt es außerdem zwischen WANT und NEED der Protagonistin zu unterscheiden. Was will sie? Und was braucht sie wirklich? Sind diese Bedürfnisse deckungsgleich? Oder sind es zwei grundverschiedene Dinge? Wenn diese beiden Dinge von vornherein festgelegt ist, ergibt sich daraus ein wunderbares Spannungsfeld für die Charakterentwicklung.
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Entwicklung und Reife
An welchem Punkt steht eure Protagonistin? Kann sie ihr eigenes Handeln reflektieren und kalkuliert eventuelle Konsequenzen mit ein? Oder gelingt ihr das manchmal, aber wenn jemand ihre Trigger erwischt, geht sie trotzdem in die Luft und handelt völlig unüberlegt? Entsprechend wird sie auch die Situation, in der sie sich befindet, bewerten – und entweder sehr überlegt oder eben impulsiv handeln. Oder irgendwo dazwischen, das ist ein sehr breites Spektrum.
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Biografie
Was hat die Protagonistin bis dato erlebt? Was hat sie geprägt? Erinnert die aktuelle Situation sie an ein Erlebnis aus ihrer Vergangenheit? Welche Wertvorstellungen hat sie?
Wie füge ich die Innenschau geschickt ein, ohne in eine reine Beschreibung oder einen inneren Monolog zu verfallen?
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Handlung, Handlung, Handlung
Am besten charakterisiert sich jemand durch die eigenen Taten. Nicht umsonst heißt es, ein Hauptcharakter müsse gleich zu Beginn einer Geschichte ein Tier retten, damit alle wissen: Diese Person gehört zu den Guten, die finden wir sympathisch.
Abgesehen davon zeigt sich die Art der Protagonistin in ihren Reaktionen: Zieht sie sich schnell zurück und stellt sich selbst und ihre Schritte infrage? Oder prescht sie vor und versucht, anderen ihre Sichtweise aufzudrängen (wenn ja: mit welchen Absichten?)
Auch wie jemand die Dinge wahrnimmt, gibt Aufschluss über den jeweiligen Charakter. Wird der tiefrote Himmel bei Sonnenuntergang als besonders romantisch wahrgenommen? Oder vermutet die Protagonistin dahinter drohendes Unheil?
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Was wird kommuniziert? Verbal, aber auch nonverbal?
Wie spricht die Protagonistin üblicherweise und wie verändert sich ihr Tonfall, wenn sich auch die Situation verändert? Redet sie anders oder verhält sich anders, wenn sie mit unterschiedlichen Personen kommuniziert? Werden ihre Gesten raumgreifender? Welches Verhalten ist typisch für sie und in welchen Situationen weicht es ab? Auf welche Trigger reagiert sie in diesen Situationen?
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Weniger ist oft mehr.
Die Innenschau muss kein ausufernder Monolog sein, der Shakespeares Hamlet vor Neid erblassen lässt. Im Gegenteil. Ein, zwei pointierte Sätze, vielleicht sogar ein Halbsatz reichen oft schon völlig aus.
Besonders in actionreichen Szenen oder hitzigen Diskussionen solltet ihr eure Protagonistin nicht in einen seitenlangen inneren Monolog verfallen lassen (das solltet ihr generell vermeiden) – denn sonst hätte der Bösewicht sie schon längst um die Ecke gebracht, bis die Lesenden am Ende der Seite angekommen sind. Im Falle der Diskussion hätte ihr Gegenüber wohl schon längst frustriert das Handtuch geworfen, weil er oder sie zu lange auf eine Antwort gewartet hat.
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Starke Bildsprache
»Ihr war angst und bange.« Dieser Satz macht klar, was los ist und was in unserer Protagonistin vorgeht. Nur: Wir bekommen es lediglich mitgeteilt, wir können es noch nicht so recht fühlen.
»Sie zitterte wie Espenlaub.« Das ist schon mal anschaulicher, bedient allerdings ein sprachliches Bild, das recht bekannt ist. Dadurch nutzen sich solche Formulierungen schnell ab und sollten möglichst nicht mehrfach im Text verwendet werden. Dazu gibt es übrigens bereits einen eigenen Blogartikel.
»Kälte fraß sich durch ihre Adern und sie schauderte.« Hier trifft das Bild (die fressende Kälte) auf die Reaktion der Protagonistin (das Schaudern). Wir sehen es nicht nur vor uns, sondern fühlen es beinahe selbst.
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Erzählperspektive beachten!
Wenn ihr euch für die Ich-Perspektive oder die personale Perspektive entschieden habt, ist eine Sache besonders wichtig: Ihr seid gewissermaßen im Kopf der Protagonistin gefangen und könnt da auch nicht raus. Weder wisst ihr, wie sie im Moment aussieht (außer sie steht gerade vor einem Spiegel oder einer anderen reflektierenden Oberfläche), noch könnt ihr in die Gedanken oder Absichten der anderen Charaktere schauen. Macht euch das immer wieder bewusst, denn Headhopping (das Herumspringen zwischen den Perspektiven der Beteiligten) verwirrt beim Lesen und stört die Bindung an die Protagonistin.
Achtet außerdem auf Stimmigkeit bei den Handlungen eurer Protagonistin. War sie bisher sehr zurückhaltend und hat Konflikte eher gemieden, wird sie nicht plötzlich vorpreschen und sich beispielsweise als Tribut bei den 74. Hungerspielen melden (außer, ihr gebt ihr den entsprechenden Anreiz dafür).
Wie komme ich dahinter, wie meine Protagonistin denkt und fühlt?
Um der eigenen Protagonistin nahezukommen, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Am besten, ihr probiert euch aus und findet heraus, welche der Methoden (oder welche Kombi daraus) für euch am besten funktioniert. Oder ihr seid wie ich und müsst das für jedes Schreibprojekt gesondert herausfinden. Ich jedenfalls habe die Erfahrung gemacht, dass jede meiner Protagonistinnen ihre ganz eigene Art und Weise hat, sich mir zu zeigen.
- Leute beobachten und eigenes Verhalten reflektieren: Was machen andere in dieser Situation? Wie würde ich selbst handeln? (Ja, das geht in die gleiche Richtung wie »What would Beyoncé do?«)
- Tagebuch schreiben: Verfasst einen (oder zwei, drei oder drölf) Tagebucheinträge aus der Perspektive eurer Protagonistin. Vielleicht besitzt ihr sogar einen Gegenstand, der euch an sie erinnert? Dann legt den mit an euren Schreibplatz.
- Bloße Äußerlichkeiten schaffen keine Verbindung – aber der Hintergrund dieser Äußerlichkeiten schon. Wenn ihr also vor Augen habt, wie eure Protagonistin aussieht und was sie trägt, fragt euch, warum sie das tut. Blaue Augen, braune Haare, Pferdeschwanz – ihr wisst noch nicht so recht, was ihr mit ihr anfangen sollt, oder? Wenn aber von stahlblauen Augen und einem straff nach hinten gezogenen Pferdeschwanz die Rede ist, bekommt ihr schon eine Ahnung, wie unsere Protagonistin so drauf ist.
Wie merke ich, ob meine Innenschau deutlich genug ist?
Die kurze Antwort: Mit ausreichend (zeitlichem) Abstand zum Text.
Die lange Antwort: War das Manuskript erstmal einen Monat (oder besser zwei) in der Schublade, hat sich auch die emotionale Bindung an all die Wörter ein wenig gelöst und ihr hängt nicht mehr an jeder einzelnen Formulierung. Generell ist es eine gute Idee, den Text eine Weile beiseite zu legen.
Versucht, euch bei nochmaligem Lesen des Textes in die Perspektive einer Außenstehenden zu versetzen. Fragt euch spätestens nach jedem Absatz: Ist erkennbar, wie die Protagonistin die Situation erlebt und bewertet.
Gebt den Text einer anderen Person zum Lesen und stellt anschließend ganz konkrete Fragen:
- Wie fühlt sich die Protagonistin hier?
- Woran hast du das gemerkt?
- Wird das Gefühl eher unterschwellig deutlich?
- Oder ist die Szene zu überladen?
- Fühlst du dich der Protagonistin nahe?
Wenn ihr statt einer Antwort nur ein Achselzucken bekommt, wisst ihr, dass ihr noch mal nacharbeiten müsst.
Pro-Tipp: Markiert in besonders tragenden und/oder wichtigen Szenen farbig im Text, wo etwas über den Charakter der Protagonistin verraten wird. Wenn außer reiner Handlung keine Farbe auf der Seite ist, ist es höchste Zeit für ein bisschen Innenschau.
Bei diesem Artikel war es ganz schön schwer, thematisch nicht abzubiegen, denn zu jedem einzelnen Punkt gäbe es noch so viel mehr zu sagen, gäbe es noch zahllose Beispiele und Ausnahmen. In den nächsten Monaten folgen daher weitere Blogartikel, die sich um Charakterentwurf und -entwicklung drehen werden.
Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, das alles ganz konkret an euren eigenen Texten durchzuspielen und daran zu feilen. Ob im Rahmen eines Lektorats oder einer Schreibbegleitung, beides ist möglich. Schreibt mir gern oder klickt euch zunächst hier durch meine Angebote.
Wie immer gilt: Ideen, Wünsche, Anregungen in die Kommentare oder in eine kurze Mail an [email protected]

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