Als Lektorin begegnen mir alltäglich viele Arten von Texten und obwohl ich mich auf Fantasy und Romance spezialisiert habe, landen hin und wieder Themen auf meinem Tisch, mit denen ich bisher wenig bis gar keine Berührungspunkte hatte. In solchen Fällen sind Online-Suchmaschinen meine besten Freunde und ich verliere mich schon mal in der Recherche.
Doch vor allem bei Suspense-Subplots oder Horrorromanen merke ich manchmal erst nach dem Drücken der ENTER-Taste, dass diese Anfrage mich vielleicht auf irgendeine Liste zur näheren polizeilichen Beobachtung verfrachten könnte. Ich kann euch allerdings beruhigen: Bisher weiß ich nur von einer einzigen Autorin, bei der tatsächlich mal die Polizei aufgrund von Rechercheanfragen vor dem Haus stand und selbst da hat sich alles in Wohlgefallen aufgelöst.
Im heutigen Blogbeitrag nehme ich euch also mit in meinen Lektorinnenkopf und verrate, was den Ausschlag für mein Googeln gegeben hat und auch, welchem Lektorat die Suche entstammte. Um es nicht ganz so düster zu machen, habe ich auch lustige und lehrreiche Beispiele mit aufgenommen. Und vielleicht nehmt ihr ja außerdem den ein oder anderen Tipp für eure Texte mit.
Da es vor allem gegen Ende ein bisschen brutaler wird, schicke ich außerdem die Content Notes Verstümmelung und Gewalt voraus.
Bereit? Dann mal los.
Ackerschnacker
In »Run« von Jil Boßmann telefonierten die Charaktere sehr oft mit ihrem Handy oder Smartphone, daher wollte ich wissen, ob uns synonymtechnisch noch weitere Alternativen zur Verfügung stehen. Und tatsächlich: »Ackerschnacker« wurde mir vorgeschlagen. Allerdings ist damit in erster Linie das Feldtelefon des Kaiserlichen Deutschen Heeres gemeint, der speziell für die Anforderungen militärischer Einsätze hergestellt wurde. Hin und wieder wird »Ackerschnacker« auch flapsig für Smartphone oder Handy verwendet, aber in unserem Kontext passte das nicht. Wir haben es letztlich über Umstellung des Satzbaus und leicht veränderte Formulierungen gelöst.
Patek Philippe
Nadine Magurno beschreibt in »Return« eine Villa in Denver, in der drei ziemlich gute betuchte Junggesellen zusammenwohnen. Einer von ihnen trägt eine »Patek Philippe« und obwohl ich schon aus dem Kontext vermutet habe, dass es sich um eine Uhrenmarke handelt, habe ich sicherheitshalber nachgeschaut (schon allein, um die Schreibweise gegenzuchecken).
Bei Luxusprodukten und Mode sind meine Kenntnisse denkbar schlecht, deshalb muss ich da regelmäßig nachschlagen. Andere Beispiele sind hier: Bodycon-Dress, Docksides oder Ankle Straps (das ist der Praxisteil dieses Blogartikels, in dem ihr selbst googeln dürft^^)
Patek Philippe ist eine Uhrenmanufaktur mit Sitz in Genf, die Luxusuhren herstellt (vergleiche Rolex). Der Gründer Patek Philippe gilt als der Erfinder der Aufzugskrone. Seitdem braucht man keinen speziellen Schlüssel mehr, um das Uhrwerk aufzuziehen oder die Zeit einzustellen.
Sapologie
Beim Lektorat von »Unter derselben Sonne« von Nadège Kusanika habe ich mit Abstand am meisten gelernt, denn Nadège erzählt hier von ihrem Aufwachsen im Kongo. Während der Arbeit am Manuskript habe ich mein Interesse für den afrikanischen Kontinent und afrikanische Literatur entdeckt und eben auch den Begriff der Sapologie kennengelernt.
Sapologie, oder auf Französich »La Sape«, ist eine Bewegung, die in der Zeit der Kolonisierung entstand. Menschen ziehen sich bewusst extravagant oder luxuriös an, verwenden teilweise ihr komplettes Einkommen für Kleidung und flanieren damit durch die Straßen. Die sogenannten Sapeurs (Männer) oder Sapeuses (Frauen) sind damit teilweise so bekannt, dass sie sogar Geld von den Menschen auf der Straße zugesteckt bekommen und quasi gesponsert werden. Dabei ist die Sapologie keinesfalls als Geldverschwendung zu verstehen, sondern eher als Widerstand gegenüber einem korrupten System, das die arme Bevölkerung arm hält, während sich andere auf Kosten der einfachen Bevölkerung bereichern.
Babyklappen in den USA
Diese Suche habe ich im Rahmen eines Manuskriptgutachtens angestoßen. Da der zugehörige Roman noch nicht offiziell angekündigt ist, kann ich hierzu noch nicht allzu viel sagen – wohl aber zu dem Babyklappen-Thema.
Da der Roman (zumindest der Teil mit der Babyklappe) nicht in der Gegenwart, sondern zwanzig Jahre zuvor angesiedelt ist, stellte sich mir beim Lesen die Frage, seit wann es denn überhaupt Babyklappen gab. Obwohl das Prinzip seit dem Mittelalter bekannt ist, gab es die erste offizielle Babyklappe in den USA (in Arizona) erst seit 2001. Von Indiana ausgehend begründete die Initiative »Safe Haven Baby Boxes« rund 153 weitere Abgabeorte.
Zungenbein
Vielleicht wusstet ihr das bereits und ich erzähle hier nichts Neues, aber als ich in Sabine Knops »Rabennacht« über den Begriff »Zungenbein« gestolpert bin, war das für mich ein Anlass, die Suchmaschine anzuwerfen.
Im Buch wird jemandem das Zungenbein eingedrückt. Bisher kannte ich das vor allem mit der Kehle – ein zugehöriger Knochen war mir neu. Doch tatsächlich: Das Zungenbein ist sogar maßgeblich daran beteiligt, dass wir Kauen und Schlucken können. Ist bei einer Leiche das Zungenbein gebrochen, ist das für Forensiker:innen ein entscheidender Hinweis, dass die Person erdrosselt oder zumindest gewürgt wurde.
Herstellung von Schrumpfköpfen
Auch hier muss ich über das Buch im Hintergrund noch Schweigen bewahren, da es noch eine Weile dauert bis zum Erscheinen. Was ich aber sagen kann: Es handelt sich um einen ganz fabelhaften Schauerroman im viktorianischen England. An einer Stelle des Buches entdeckt die Protagonistin in einem Raum eines alten Herrenhauses Schrumpfköpfe und es ist unter anderem von Zähnen die Rede. Aber haben Schrumpfköpfe überhaupt Zähne?
Die darauffolgende Suche führte mich in diverse Bildarchive und zu dem Wissen, wie Schrumpfköpfe genau hergestellt werden. Dabei wird der Kopf so nah wie möglich am Oberkörper abgetrennt, bevor rituell der Rachegeist des Getöteten unter Kontrolle gebracht wurde. Anschließend wurde die Haut vom Schädel gelöst und Augenlider und Nackenschnitt wurden von innen vernäht. Auch der Mund wurde zugenäht, damit der Rachegeist auch ja nicht entweichen konnte. Geschrumpft wurde das Ganze dann durch im Feuer erhitzten feinen Sand, der in den Hautsack gefüllt und geschwenkt wurde. Long story short: Schrumpfköpfe haben keine Zähne, weil es sich nur um Haut handelt, nicht um Knochen.
So, und jetzt möchte ich natürlich auch von euch wissen: Was waren eure unterhaltsamsten oder unheimlichsten Suchvorgänge? Teilt sie gern über die Kommentarfunktion oder schreibt mir eine Nachricht.
Wie immer gilt: Fragen, Ideen, Wünsche, Anregungen in die Kommentare oder in eine kurze Mail an [email protected]

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