Seit ChatGPT 2022 für die breite Öffentlichkeit nutzbar gemacht wurde, ist das Thema Künstliche Intelligenz (KI) in unser aller Köpfe. Die einen sind sofort auf den Zug aufgesprungen und nutzen sie regelmäßig, andere sind skeptisch, wollen aber den Anschluss nicht verlieren und befassen sich hin und wieder rudimentär damit, und wieder andere lehnen sie rundheraus ab.
Je mehr Nachrichten ich in Bezug auf KI lese, desto verwirrter und unschlüssiger bin ich. Aus genau diesem Grund habe ich hier die neuesten Geschehnisse in Bezug auf KI und den Buchmarkt zusammengetragen und versuche mich an einer Einordnung. Besonders aufmerksam machen möchte ich auf die unten genannten Quellen, die ich bei meiner Recherche genutzt habe, denn besonders die Youtube-Videos sind sehr sehenswert (allerdings allesamt auf Englisch).
Des Weiteren möchte ich die Anthologie-Serie »Black Mirror« empfehlen, die sich in den jeweiligen Folgen mit – meist dystopischen – Zukunftsszenarien auseinandersetzt. Habe ich bis vor ein paar Jahren die Handlung der einzelnen Storylines als unwahrscheinlich abgetan, kommen sie heute der Realität bereits unheimlich nahe.
Doch bevor wir einsteigen, möchte ich zunächst ein paar Begriffe klären.
Unter anderem tue ich das für alle jene, die sich – wie ich – schon immer gefragt haben, wofür das GPT in ChatGPT eigentlich steht: Generative Pre-trained Transformer, übersetzt in etwa »generativer vortrainierter Transformer«. »Transformer« beschreibt dabei die Arbeitsweise, auf der das Modell basiert.
Weiterhin ist oft die Rede von LLMs, Large Language Models. Das sind große Sprachmodelle, die an riesigen Textdatenbanken trainiert wurden und daher komplexe Sprachmuster erkennen und anhand dessen ihre Fähigkeiten verbessern können.
Unterschieden wird gemeinhin zwischen generativer und assistiver KI. Während assistive KI besonders zu Recherchezwecken und zur Korrektur von Rechtschreibung und Grammatik genutzt wird – hier sind beispielsweise im Schreibprogramm Papyrus oder auch bei Microsoft Word entsprechende Tools hinterlegt –, befasst sich generative KI damit, Inhalte zu erstellen: Bilder, Audiodateien, Videos, Texte. Dabei bedient sie sich eines riesigen Pools an Informationen, die einst in das jeweilige Modell eingespeist wurden. Auf welchem Wege, dazu kommen wir später noch.
Die gängigsten und bekanntesten Anbieter sind OpenAI (ChatGPT), Anthropic (Claude), Google DeepMind (Gemini) und DeepSeek.
Wenn die vermeintliche KI-Nutzung dazu führt, dass ein Buch vom Markt genommen wird: der Fall Mia Ballard
Zunächst liest sich die Geschichte wie der wahr gewordene Traum einer jeden schreibenden Person mit Veröffentlichungsabsicht: Im Februar 2025 hat die Selfpublisherin Mia Ballard ihr Buch »Shy Girl« herausgebracht und über Social Media so viel Reichweite damit gewonnen, dass mit Hachette eine der fünf größten internationalen Verlagsgruppen auf sie aufmerksam wurde und ihr einen Verlagsvertrag anbot.
»Shy Girl« ist dem Horrorgenre zuzurechnen und erzählt die Geschichte der jungen Gia, die unter einer Zwangsstörung leidet und auf einer Sugar-Daddy-Datingseite Nathan kennenlernt. Er verspricht ihr, sich ihrer Schulden und finanziellen Nöte anzunehmen, wenn sie zustimmt, als sein Haustier zu leben. Während Gia sich mehr und mehr in die ihr zugedachte Rolle einfügt, verschwimmen bei ihr die Grenzen von Mensch und Tier.
In Großbritannien wurde das Buch im November 2025 im Hachette-Imprint Wildfire veröffentlicht, das Erscheinen in den USA war für 2026 geplant.
Doch die Wellen schlugen hoch, als der Text im Januar 2026 auf Reddit im Forum r/horrorlit auseinandergenommen wurde. Angeblich sei das Buch von einer KI geschrieben worden. Zahlreiche Hinweise wurden aufgelistet, die das belegen sollten: die überbordende Nutzung von Adjektiven, Vergleiche, die nirgendwo hin führten, Wiederholungen, denen der gleiche Inhalt zugrunde lag. Dies sei nicht nur punktuell der Fall gewesen (und hätte damit mit einem unreifen Schreibstil begründet werden können), sondern hätte sich durch das komplette Buch gezogen.
Hinzu kommt, dass auf dem ursprünglichen Selfpublishing-Cover ein Hund mit Schleife um den Hals abgebildet war, der nachweislich von einer Künstlerin gemalt wurde, die angeblich niemals von Ballard wegen der Nutzungsrechte kontaktiert worden war und in der Folge auch keine Bezahlung erhalten haben soll.
In diese Diskussion klinkte sich bald der Gründer des KI-Erkennungsprogramms Pangram, Max Spero, ein. Er habe »Shy Girl« überprüfen lassen und zu 78 % sei der Text KI-generiert. Interessant ist hier vor allem, wo Pangram den Text herhat: Als Quelle nennt die Software die Seite OceanOfPDF: eine Piraterie-Seite, auf der wohl die Selfpublishing-Version von »Shy Girl« zu finden war. Die Vorwürfe bezogen sich also gar nicht auf den von Hachette veröffentlichten Titel, sondern auf eine vorige Version davon.
Inzwischen hatte allerdings der New Yorker davon Wind bekommen, berichtete über den Sachverhalt und stellte eigene Untersuchungen an – mit dem gleichen Ergebnis. Daraufhin entschloss sich Hachette, tätig zu werden, nahm das Buch vom Markt und hat auch in der Folge angeblich seine Standards zur Annahme weiterer Manuskripte verschärft.
Mia Ballard sagte in ihrer Stellungnahme, dass sie während ihres Selfpublishing-Vorhabens aufgrund von Geldknappheit das Manuskript von einer Person aus ihrer Schreibgruppe hätte lektorieren lassen und diese hätte wohl KI zur Überarbeitung verwendet. Das hieße aber im Umkehrschluss auch, dass Ballard die Vielzahl an Überarbeitungen unhinterfragt übernommen hätte.
An dieser Stelle ein kleiner Exkurs zu professioneller Lektoratspraxis: Änderungen im Text sollten immer mit der Nachverfolgungs-Funktion kenntlich gemacht sein und jede Änderung sollte nachvollziehbar und logisch sein oder zumindest kurz erklärt werden. Kein:e ernstzunehmende:r Lektor:in wird weitläufige Textpassagen einfach so ändern oder ein Manuskript völlig umschreiben.
Ob und inwiefern Hachette bei »Shy Girl« nachlektoriert hat und wieso es der Person, die das Manuskript für die Verlagsgruppe akquiriert hat, nicht aufgefallen ist, dass beim eingekauften Text KI verwendet wurde, darüber lässt sich nur spekulieren. Auch ob nun die Autorin – oder nur die Person, die sie mit dem Lektorat beauftragt hat – KI genutzt hat, bleibt offen.
Ein Buch wird vom Markt genommen, während die Autorin Coral Hart 200 Bücher im Jahr schreibt – mit KI.
Dem gegenüber steht die Autorin Coral Hart, die keinen Hehl daraus macht, im Jahr 200 KI-generierte Bücher über Amazon KDP zu veröffentlichen. Darüber hat sie bereits wohl sechsstellig verdient und gibt inzwischen Kurse für Schreibende, die ihrem Beispiel folgen wollen. Sie selbst nutzt nach eigenen Angaben das LLM Claude der Firma Anthropic, das aus zahllosen piratisierten Texten gelernt haben soll.
Wie es in dem Fall mit dem Urheberrecht aussieht? Bisher ist das nicht geklärt, weil es eben noch keine einheitlichen Standards für den Umgang mit generativer KI gibt.
Coral Hart jedenfalls schreibt unter Pseudonym. Die Autorin veröffentlicht ihren Klarnamen nicht, aus Angst, dass ihre KI-Nutzung sonst negativ auf ihr zweites Business zurückfallen könnte. Muss ich noch konkreter auf die Doppelmoral in diesem Fall aufmerksam machen?
Doch die Nutzung von KI beim Schreiben nimmt mehr und mehr zu.
Nach einer Studie des Selfpublishing-Dienstleisters Books On Demand (BoD) nutzen 54 % der 3.663 befragten Autor:innen KI beim Schreiben. Im Vorjahr (2024) waren es nur 37 %. Auch die Häufigkeit der Nutzung nahm zu. Mit 74 % nutzt ein Großteil der Befragten KI zu Recherchezwecken, geringere Prozentsätze entfallen auf Brainstorming, Korrektorat und Buchvermarktung. Der Einsatz von KI bei der Erstellung von Texten und beim Plotten nahm im Vergleich zum Vorjahr ab, liegt aber immer noch bei 24 % der Befragten.
Dennoch hegen drei Viertel der Befragten Zweifel an der Qualität der von der KI erstellten Texte. Am häufigsten wird dabei ChatGPT als KI-Tool genutzt (44,5 %).
Die große Frage lautet aber: Lassen sich KI-generierte Texte noch erkennen? Und wenn ja, woran?
Oben habe ich bereits einige Erkennungsmerkmale genannt:
- die übermäßige Verwendung von Adjektiven
- Vergleiche, die sehr weit hergeholt erscheinen
- Wiederholungen, die zwar paraphrasiert werden, aber den gleichen Inhalt spiegeln
Weiterhin werden als Merkmale auch viele Gedankenstriche genannt. Tja, wer jetzt kommt und im vorliegenden Text Gedankenstriche zählt, mag auch mir eine KI-Nutzung unterstellen – obwohl ich diesen Text ganz allein zusammengezimmert habe. Und ja, der Gedankenstrich eben war ganz bewusst an dieser Stelle gesetzt. So viel also zur Zuverlässigkeit solcher Erkennungsmerkmale.
Außerdem nutzen LLMs Gegenüberstellungen nach dem Muster: »Nicht X, sondern Y.« oder zählen drei Dinge auf, um eine Aussage zu verstärken. Auch neigt die KI dazu, bestimmte regionale Ausdrücke zu globalisieren, was aber eher im englischen Sprachraum der Fall ist. Im Deutschen ist hingegen die häufige Nutzung des Nominalstils auffällig.
Und: Einer KI fehlt das semantische Verständnis, deshalb wirken Texte oft oberflächlich oder unzusammenhängend. Dennoch mangelt es uns an glasklaren Erkennungsmerkmalen, anhand derer wir zweifelsfrei erkennen können, ob ein Text nun von einer KI oder von einem Menschen erstellt worden ist.
Eine Erkennungsrate von 100 % weist bis zum heutigen Tag keines der gängigen Tools auf.
Aktuell stehen wir in der Buchbranche an einer Weggabelung.
Einerseits dreht sich das Verkaufskarussell immer schneller und Bücher werden zu Massenware, die vor allem durch TikTok einer nie dagewesenen Konsumdynamik unterworfen sind. Das heißt im Umkehrschluss aber auch, dass Autor:innen immer schneller schreiben müssen, um dem Druck gerecht zu werden. Da Schreibende aber zudem noch damit betraut sind, das Marketing für ihre Bücher weitestgehend selbst zu stemmen, kratzen viele – wenig überraschend –an der Schwelle zum Burnout.
Andererseits bietet die KI einen vermeintlichen Ausweg: Mit ihrer Hilfe ließe sich schnell Content (und damit meine ich in diesem Fall auch Bücher) generieren, um dem gefräßigen Marktmonster etwas in den Rachen zu werfen und mithalten zu können bei der Forderung nach steigendem Output.
Dennoch ist ein schlechter menschlicher Text immer noch besser als ein sehr guter KI-Text – in vielerlei Hinsicht. Keine KI kann zutiefst menschliche Erfahrungen so auf die Seite bringen, wie wir es können. Die Kreativität und die Fähigkeit zur Abstraktion, die wir Menschen an den Tag legen, fehlt der KI völlig. Bisher kann sie nur bereits Existierendes neu zusammensetzen, aber nichts wirklich Neuartiges erschaffen.
Die eigentliche Frage ist aber: Wird es den Lesenden irgendwann egal sein, ob die Geschichten von Mensch oder Maschine geschrieben wurden? Auf Amazon verkaufen sich KI-geschriebene Titel, vor allem in nischigeren Genres, und befinden sich regelmäßig in den Top 10.
Natürlich (und zum Glück!) wird es immer Menschen geben, die Literatur von Menschen lesen wollen. Aber was, wenn die Unterscheidung immer schwieriger wird? Auch in Mia Ballards Fall hat sich schließlich mutmaßlich eine ganze Verlagsgruppe mit unzähligen fähigen Leuten täuschen lassen.
Wenn wir die KI schon nicht mehr wegbekommen, wie kennzeichnen wir ihre Nutzung?
Bisher gibt es keine einheitliche Regelung sowohl für die Kennzeichnung von KI-Texten als auch für die Vergütung von Kreativen, deren Kunst ungefragt zum Training von LLMs genutzt wurde.
Die Penguin Random House Verlagsgruppe hat jüngst Klage gegen OpenAI eingereicht, weil der kleine Drache Kokosnuss in abgewandelter, aber verblüffend ähnlicher Gestalt in via ChatGPT generierten Kinderbüchern herumflatterte. Außerdem gab es in der Vergangenheit bereits mehrere Sammelklagen von Autor:innen, deren Werke ungefragt zum KI-Training genutzt worden waren.
Der Loewe Verlag kennzeichnet seine Bücher in Onlineshops nun mit einem eigenen »Ohne KI«-Label. Ein breiter anerkanntes Siegel gibt es jedoch noch nicht – vermutlich auch mangels einer zuverlässigen KI-Erkennungssoftware.
Doch auf politischer Ebene ist noch nicht allzu viel passiert. Im August 2024 wurde der AI Act vom Rat der 27 EU-Mitgliedsstaaten verabschiedet, beschäftigt sich aber eher damit, dass bei der Arbeit mit KI die Grundrechte gewahrt werden und Menschen nicht mittels KI beeinflusst werden. Zudem wird darin eine Kennzeichnungspflicht von Bildern, Audio und Videos gefordert. Eine Überprüfung der Durchführung gestaltet sich allerdings auch hier schwierig.
Wie gehe ich persönlich damit um?
Ich würde lügen, würde ich sagen, dass ich der Entwicklung in Sachen KI ungerührt und entspannt gegenüberstehe. Auch ich beobachte die Entwicklungen, auch ich tausche mich regelmäßig mit Kolleg:innen zu diesem Thema aus. Und ich sehe, dass bereits erste Aufträge wegbrechen, weil statt mit professionellen Lektor:innen mit KI gearbeitet wird, oder wie nur noch Schlussredaktionen angefragt werden, weil die KI den Rest schon gemacht hätte.
Für mich ist immer noch die Unterscheidung zwischen assistiver und generativer KI der wichtigste Marker. Ich lasse mir bei meinen eigenen Texten bisweilen bei der Recherche von der KI unter die Arme greifen, prüfe aber das, was ich übernehme, doppelt und dreifach nach, um mir wirklich sicher sein zu können, dass das Ergebnis stimmt.
Doch bereits beim Brainstorming steht man auf der Schwelle: Denn hier kommen ja eigens generierte Ideen auf den Tisch, die die KI, mit der ich spreche, vielleicht aus einem anderweitig eingespeisten Text erhält. Mehrfach habe ich auch das probiert, habe aber wieder und wieder festgestellt, dass die Ergebnisse – mit Verlaub – ziemlicher Müll sind.
Um hier wirklich sicher zu sein, hilft also nur: hinsetzen, Stift (oder Tastatur) in die Hand nehmen und selbst schreiben. Ist außerdem besser für die Umwelt, denn der Ressourcenverbrauch einer ChatGPT-Anfrage ist zehnmal höher als bei einer Google-Suche.
Und wenn ihr im Schreibprozess nicht weiterkommt und Hilfe benötigt, vielleicht in Form einer Schreibbegleitung oder einer Manuskriptprüfung, dann schreibt mich jederzeit gerne an. Wie immer gilt außerdem: Ideen, Wünsche, Anregungen in die Kommentare oder in eine kurze Mail an [email protected]
Quellen
https://www.youtube.com/watch?v=Ucw4JF5EIfw&t=58s
https://www.youtube.com/watch?v=tUHR6VsPn_Y
https://www.youtube.com/watch?v=ECWpPKzN5I0&t=6s
https://www.youtube.com/watch?v=tv_3L_1avKM&list=WL&index=1
https://www.youtube.com/watch?v=f8wFC1EQ2Yk
https://thedreydossier.substack.com/p/the-shy-girl-ai-scandal-is-way-worse
https://www.boersenblatt.net/home/jeder-zweite-autorin-nutzt-ki-als-hilfsmittel-416557
https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/ai-act-2285944
https://www.boersenblatt.net/news/woher-kommt-der-fetisch-der-anwendung-422047
Claudia Sternat, SchreibWende, Textariat, 2024, ISBN 978-9-403-75883-1

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