Kennt ihr das? Ihr zieht ein ums andere Buch aus dem Regal, beginnt zu lesen, und stellt dann fest: So richtig packt mich das nicht. Ihr geht in die Buchhandlung, um euch dort inspirieren zu lassen, denn schließlich steht bald der Sommerurlaub an und da darf die Lektüre im Koffer natürlich nicht fehlen. Doch auch dort geht es euch ähnlich. Ihr zieht ein ums andere Buch aus dem Regal …
Genau so ging es mir bis vor Kurzem.
In den letzten Wochen und Monaten habe ich deshalb mein eigenes Lese- und Buchkaufverhalten einmal komplett auf den Kopf gestellt und so langsam komme ich an den Punkt, an dem ich wieder sagen kann: Doch, Lesen macht mir wieder Spaß. Also, das private Lesen – das professionelle Lesen klammere ich hier bewusst aus, denn beim Lektorieren spielen noch so viele andere Dinge mit hinein und das ist von meinem literarischen Meltdown vor ein paar Monaten auch zum Glück nicht betroffen. Wäre auch eher ungünstig 😊
Was habe ich also unternommen, um in meiner Freizeit endlich wieder so zu lesen, dass es sich nach mir anfühlt? Dass ich endlich wieder Momente mit Büchern erlebe, in denen ich eine ganz besondere Beziehung zu den Geschichten aufbauen kann, die ich gerade lese?
Erstmal ein Hot Take: Social Media hat meinen Buchgeschmack kaputt gemacht.
Einerseits liebe ich Social Media dafür, dass ich darüber auch mal Bücher entdecke, die mir sonst nicht aufgefallen wären. Der Algorithmus lernt unglaublich schnell, was ich mag und schlägt mir ähnliche Inhalte vor. An manchen Tagen komme ich mit dem Merken von Beiträgen gar nicht mehr hinterher, so viele tolle neue Bücher werden angekündigt.
Doch genau das überfordert mich, denn es ist schlichtweg zu viel. Und meistens schaue ich mir meine gemerkten Beiträge dann nie mehr an.
Gleichzeitig habe ich in der Buchbubble mehr und mehr den Eindruck, dass alle das Gleiche lesen – und außerdem: nur Neuerscheinungen. Noch dazu bin ich letztens durch eine lokale Filiale einer Buchhandelskette gestromert und habe mich gefühlt, als hätte ich gar nicht aufgehört, auf Instagram zu scrollen. Denn genau die Bücher, die ich online sah, lagen dort in Massen aus. Etwas Neues entdecken? Fehlanzeige!
Ich hasse es, wenn mir jemand diktiert, was ich lesen soll. Um cool zu sein, um mitreden zu können, um eine der wenigen Personen zu sein, die Tolkiens Silmarillion auch tatsächlich gelesen haben (als Beispiel ist das ein bisschen wild, denn das Buch habe ich schon lange in keiner Buchhandlung mehr gesehen, aber ihr versteht meinen Punkt, oder?). Trotzdem habe ich mich jahrelang davon beeinflussen lassen. Klar, als Lektorin muss ich wissen, was in den Genres, die ich bearbeite (vor allem Fantasy und Romance) gerade Trend ist und gelesen wird. Aber ich bin eben auch noch Privatperson (glaubt man kaum, oder?) und als solche möchte ich meinen Lesegeschmack genauso wenig festlegen wie die Gründe, aus denen ich ein bestimmtes Buch lese.
Also war es Zeit, meine Position gegenüber Büchern und dem Lesen einmal von Grund auf zu überdenken. Vielleicht helfen euch meine Gedanken ja auch dabei, aus einer Leseflaute herauszukommen. Lasst es mich gerne wissen!
Wo findet man denn noch gute Bücher? Vor allem solche, die nicht Mainstream sind?
Meine liebste Anlaufstelle sind Orte, an denen Bücher in freier Wildbahn anzutreffen sind: unabhängige Buchläden und die örtliche Bibliothek. Die Betonung liegt hierbei vor allem auf »unabhängig«. Denn wo die Inhaber:innen der Läden noch selbst entscheiden, was sie in ihren Regalen ausstellen, ist die Auswahl meist breiter gefächert und die Wahrscheinlichkeit niedriger, dass ich die Bücher an der ein oder anderen Stelle schon mal gesehen habe.
Außerdem treibe ich mich gerne in der Bücherei herum und entdecke Titel für mich neu, die gerne schon mal zehn oder zwanzig Jahre auf dem Buckel haben. Ein Büchereiausweis kostet eine geringe jährliche Gebühr und je nach Region ist die Auswahl okay bis ziemlich riesig. Alternativ gibt es auch noch Tools für den E-Reader, wie beispielsweise die Onleihe oder Libby. Libby ist bisher nur für Smartphones und Tablets entwickelt – obwohl ich glaube, dass es einen Umweg für E-Reader gibt –, beinhaltet aber eine Vielzahl englischsprachiger Bücher und Magazine und deutschsprachiger Audiobooks.
Ein weiterer Vorteil an Büchereien: Bücher, die euch nicht gefallen, könnt ihr einfach zurückbringen, ohne dafür Geld ausgegeben zu haben. Damit fällt das Abbrechen von Büchern vielleicht auch leichter. Aber dazu später mehr.
Dann gibt es außerdem Lesetracking-Apps wie Goodreads, StoryGraph, Reado und ein paar weitere, die neben dem Lesetracking auch das Zusammenstellen von Listen ermöglichen. Ich scrolle gerne mal durch themenbezogene Leselisten anderer User:innen und lasse mich inspirieren.
Neben dem Verkleinern eures eigenen SUB (= Stapel ungelesener Bücher) ist euer eigenes Bücherregal auch eine perfekte Anlaufstelle für neuen Lesestoff. Schaut gerne mal, in welchen Verlagen die Bücher erschienen sind, die ihr sonst so lest. Ein paar Namen häufen sich? Prima! Dann checkt mal deren Buchprogramm auf deren Website aus.
Für alle, die sich außerdem für Selfpublishingtitel interessieren, kann ich auch den Neuerscheinungs-Newsletter des Selfpublisherverbands empfehlen. Jeden Monat bekommt ihr zu Monatsbeginn eine Zusammenstellung sämtlicher Neuerscheinungen der Mitglieder des Verbands:
https://www.selfpublisher-verband.de/neuerscheinungsnewsletter/
Außerdem die Newsletter eurer Lieblingsautor:innen zu abonnieren, hilft auch gerne mal beim Entdecken von neuem Lesestoff. Oder ihr folgt ihnen auf Social Media. Und nein, damit meine ich nicht deren neue Bücher – zumindest nicht nur –, sondern auch Buchtipps, die sie teilen. Ich finde es immer wieder spannend, zu sehen, was Schreibende beispielsweise zur Recherche lesen.
»Recherche« ist ebenfalls ein gutes Stichwort fürs Entdecken neuen Lesestoffs. Wenn ihr gerade nicht selbst an einem Buch schreibt, sucht euch ein Thema aus, das euch schon immer interessiert hat – und schaut mal nach, ob es nicht einen Roman dazu gibt. Sachbücher sind natürlich auch erlaubt, klar, aber auch wie Sachthemen in Romanform aufgearbeitet werden, ist immer eine spannende Angelegenheit. Und das funktioniert nicht nur bei historischen Romanen.
Zum Schluss habe ich noch einen Pro-Tipp, der mir gestern beim Anschauen eines YouTube-Videos reingespült wurde: kleine Challenges im Buchladen mit Freund:innen. In besagtem Video sind die Youtuberinnen Ariel Bissett und Leena Norms in zwei Londoner Buchhandlungen unterwegs und geben sich gegenseitig kleine Aufgaben, um neue Bücher für die jeweils andere zu finden. Eine davon? Ein Buch, dass zum Outfit passt, finden. Klingt erstmal oberflächlich, hat aber dann doch zu zwei echten Entdeckungen geführt.
Überhaupt ist das Video sehr sehenswert, weil die beiden einfach unglaublich inspirierende, humorvolle Persönlichkeiten sind. Könnt ihr hier nachschauen.
Und wie finde ich jetzt heraus, welche Bücher wirklich zu mir passen?
Früher (und damit meine ich in meinem Fall: bis vor wenigen Monaten) habe ich relativ wahllos Bücher auf meine Leselisten gepackt. Immer wieder habe ich mir eingeredet, dass ich sie mir ja erstmal nur gemerkt habe, um sie mir später genauer anzuschauen.
Nur hat es dann oft ausgereicht, dass ich, wenn ich genau diese Bücher irgendwo in freier Wildbahn angetroffen habe, gleich zugeschlagen und sie mitgenommen habe – ohne vorher noch einmal reinzulesen. Keine Ahnung, ob ihr das auch so macht, bei mir war das jedenfalls lange ein ernsthaftes Problem.
Mittlerweile gehe ich das strukturierter an und merke mir nur noch die Bücher, die wirklich mein Interesse wecken, mit einem Foto oder Screenshot (je nachdem, ob ich sie beim Bummeln oder beim Scrollen entdecke). In regelmäßigen Abständen sehe ich diese Fotos dann durch, schnappe mir meinen E-Reader und lade mir die Leseproben herunter. Für alle ohne Reader: Reinlesen geht auch direkt am PC oder Handy.
Und dann wird erstmal gelesen.
Bei vielen Büchern merke ich schon von der ersten Seite an, ob mir der Schreibstil zusagt oder nicht. Wenn nicht, fliegt die Leseprobe vom Reader und das Foto vom Handy. Wenn ich aber bis zum Ende der Leseprobe dranbleibe, kommt das Buch in eine engere Auswahl. Wenn ich gleich weiterlesen will oder noch Tage nach dem Lesen an das Buch denken muss, bestelle ich es mir meistens auch. Denn bei so vielen Büchern, wie ich anfangs befürchtet habe, passiert das gar nicht.
Und dann sind da noch die besonderen drei Buchstaben DNF, für die wir im Deutschen keine Entsprechung haben (oder?): »Did Not Finish«, übersetzt »habe ich nicht beendet«. Bücher angelesen wieder beiseitestellen oder gar weggeben? Das habe ich lange nicht gekonnt.
Aber mehr und mehr löse ich mich von dem Gedanken, jemals alle Bücher lesen zu können, die ich lesen will. Außerdem ist meine Zeit begrenzt und das Leben zu kurz, um Bücher zu lesen, die mir nicht gefallen. Denn dann kommt zu dem Geld, das ich vielleicht dafür ausgegeben habe, auch noch die Zeit dazu, die ich mich damit herumquäle.
Abschließend vielleicht noch ein tröstlicher Gedanke: Da draußen gibt es weit mehr Bücher, die genau zu mir passen, als ich je werde lesen können. Ich muss sie nur finden. Und wenn ich statt zu suchen Bücher lese, die mir nicht so recht gefallen, lege ich mir nur selbst Steine in den Weg.
Und ich mache es nun zu meiner Mission, genau die Bücher zu finden, die zu meinem Herzen und zu meiner Seele sprechen. Alles andere werde ich loslassen.
Wie immer gilt außerdem: Ideen, Wünsche, Anregungen in die Kommentare oder in eine kurze Mail an [email protected]

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