Eine sehr erfahrene Lektorin, die ich als Kollegin besonders schätze, hat neulich einen Satz gesagt, der noch immer in mir nachhallt:
»Menschen, die Geschichten lieben, werden Autor:innen. Menschen, die Sprache lieben, werden Lektor:innen.«
Und sie fügte hinzu: »Für mich ist Lektorat ein Traumberuf, aber selbst Bücher schreiben? Ich könnte das nicht.«
Und da saß ich dann, die schreibende Lektorin. Oder lektorierende Autorin? Was bin ich denn nun? Muss ich denn einen Teil meiner selbst priorisieren oder kann ich auch einfach beides lieben?
Als ich vor zwei Wochen zum ersten Mal ein eigenes Lektorat zurückerhielt, sind mir diese Gedanken wieder begegnet und wie immer, wenn mich etwas nicht loslässt, habe ich darüber geschrieben.
Im Folgenden möchte ich näher darauf eingehen, …
… welche Vor- und Nachteile sich für mich aus meiner Doppelfunktion ergeben
… welche Vor- und Nachteile sich für meine Lektoratskund:innen ergeben
… was ich in meinem eigenen Lektorat gelernt habe
Für alle Interessierten eine kurze Info zu mir als Autorin (und wie ich so vorgehe):
Als Stevie Jo schreibe ich in erster Linie Sapphic Romance und darf mein Debüt 2026 im wundervollen Ylva Verlag veröffentlichen. Meine Geschichten spielen in Großbritannien und beinhalten meist eine Found-Family-Thematik und Charaktere, die sich erstmal zusammenraufen müssen. Beim Schreiben liebe ich es, mich von meinen Protagonistinnen überraschen zu lassen und plotte zwar vorher, aber nicht allzu detailreich, weil mir das den Spaß am Runterschreiben einer Geschichte nimmt. Als Tool nutze ich Notion-Templates oder Excel-Tabellen zum Plotten und Papyrus Autor zum Schreiben. Am kreativsten bin ich entweder frühmorgens oder am Abend – wenn es draußen noch (oder schon) dunkel ist, kann ich mich am besten auf meine Ideen konzentrieren. Ich bin aber auch – wie vermutlich alle Künstler:innen – sehr empfindlich, was Kritik und Absagen angeht und neige dazu, mich selbst und mein Können sofort infrage zu stellen.
Als Lektorin kommen ganz andere Eigenarten meiner Persönlichkeit zum Einsatz. Da gehe ich viel analytischer und weniger emotional vor. Natürlich lasse ich mich von den eingesandten Manuskripten auch hin und wieder mitreißen (und muss dann noch mal zurückscrollen und mich selbst ans Lektorieren erinnern), aber ich wahre eine professionelle Distanz zum Text. Ich gehe nach klaren Kriterien vor, klopfe die Geschichte darauf ab und kann ganz klar benennen, was bereits gut funktioniert und wo noch nachgezurrt werden muss. Ich teile meine Arbeit in einen inhaltlichen und einen sprachlich-stilistischen Teil auf und setze klare Schwerpunkte bei den einzelnen Durchgängen. Als Lektorin kenne ich meinen Wert sehr gut und meine Arbeitsaufgaben sind klar definiert, Erfolg wird hier messbar.
Allein schon an diesen Absätzen lässt sich vermutlich ablesen, dass die beiden Profile kaum verschiedener sein könnten. Natürlich bin ich als Lektorin auch kreativ tätig und unterstütze Autor:innen beispielsweise mit Vorschlägen, was im Text verändert werden kann. Aber primär bin ich Dienstleisterin und trete hinter den Geschichten und Schreibenden zurück, während ich als Autorin mitten im Geschehen drinstecke.
Kurz zusammengefasst: Als Lektorin weiß ich, wann ich einen richtig guten Job mache. Als Autorin zweifle ich ständig an mir selbst und meinen Geschichten.
Dass diese Doppelfunktion nicht nur Vorteile hat, klingt hier schon an. Aber wie sehen die Nachteile denn konkret aus?
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Meine innere Lektorin ist immer dabei. Das ist im Überarbeitungsprozess zwar hilfreich, aber wenn es um den ersten Entwurf geht, kann dieses Stimmchen im Hinterkopf ziemlich nerven. Ich habe gelernt, dass es hilft, Texte zunächst per Hand zu schreiben, weil dann die Verbindung Hirn – Papier unmittelbarer und intuitiver ist.
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Ich setze mich noch mehr unter Druck als ohnehin schon. Denn wenn ich einen schlechten Text abliefere, was sagt das dann über meine Fähigkeiten als Lektorin aus? (Spoiler: Gar nichts, hier verweise ich noch mal auf das Zitat meiner Kollegin am Anfang.)
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Durch meine Arbeit mit Verlagen habe ich einen Einblick, was gerade an Themen gesucht wird und ich muss ganz genau in mich hineinspüren, ob ich eine Geschichte gerade wirklich erzählen will – oder ob ich doch der Verlockung erliege, nach dem Markt zu schreiben.
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In Gesprächen mit Autor:innen fällt es mir oft schwer, mein Lektorinnen-Ich von meinem Autorinnen-Ich abzugrenzen, daher sage ich oft dazu: »Aus Lektorinnensicht finde ich, …«
Aber! Nicht alles ist schlecht, und manchmal bringt diese Doppelfunktion auch Vorteile.
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Ich kann mich zumindest in einer ersten Überarbeitung selbst lektorieren und kann im Lektorat ein wenig Zeit sparen (wobei das nicht unbedingt der Fall sein muss, unten mehr dazu).
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Ich kenne die gängigen Stolpersteine (sprachlich wie plotmäßig) und weiß, wie ich sie umschiffen kann.
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Ich bin gut vernetzt und weiß, an wen ich mich mit welchen Fragen wenden kann.
Nun bin ich aber, wie oben erwähnt, auch Dienstleisterin und im Internet kursieren auch genügend Vorurteile gegenüber Personen, die in Personalunion schreiben und lektorieren. Natürlich gibt es (wie übrigens in jeder Berufsgruppe) einzelne Menschen, die diese Vorurteile bestätigen. Aber in den meisten Fällen sind Vorurteile einfach genau das: vorschnelle Urteile, die oft aus Unwissenheit oder Angst geboren werden.
Schauen wir uns die doch mal genauer an.
»Meine Lektorin könnte mir meine Ideen klauen.«
Das geht zum Beispiel gar nicht. Denn als Autor:innen seid ihr über das Urheberrecht geschützt. Ihr könnt auf Nummer sicher gehen, wenn ihr das Manuskript per Mail an euch selbst schickt oder besser noch ausgedruckt per Post, denn dann dient der Poststempel des ungeöffneten Briefs als Nachweis. (Kurzer Disclaimer: Dies ist keine Rechtsberatung!)
Außerdem: Wie viele Ideen schwirren in eurem Kopf herum? Vermutlich so einige. Bei einer Lektoratsperson, die ebenfalls schreibt, ist das nicht anders. Da ist genug für alle da und die Wahrscheinlichkeit, dass sich Ideen 1:1 überschneiden, geht gegen null.
»Als Autorin will meine Lektorin ihre eigenen Ideen durchdrücken und mein Projekt ist am Ende nicht mehr mein eigenes.«
Ganz wichtiger Punkt: Sämtliche Anmerkungen, die das Lektorat macht, sind Vorschläge. Als Autor:innen seid ihr nicht verpflichtet, diese anzunehmen. Natürlich könnt ihr das tun, sofern euch die Vorschläge logisch erscheinen und ihr das Gefühl habt, dass sie euren Text besser machen. Aber wenn euch eine Formulierung oder eine Änderung nicht passt, ist euch niemand böse, wenn ihr die ablehnt.
Ein wenig anders verhält es sich bei Verlagslektoraten, weil da natürlich auch die Interessen des Verlags hineinspielen. Hier wird euch eure Lektoratsperson aber deutlich machen, was verlagsseitig Standard ist. Sollte sich dann eine Uneinigkeit ergeben, könnt ihr euch immer noch an den Verlag selbst wenden und dort nachfragen.
»Meine Lektorin und ich schreiben im gleichen Genre und für die gleiche Zielgruppe. Hat sie dann überhaupt mein bestes Interesse im Sinn oder würde sie mir aus Eifersucht vielleicht sogar schaden wollen?«
Zum einen wäre so ein Verhalten moralisch fragwürdig, zum anderen vermute ich, dass euer Bauchgefühl bei einer solchen Person sehr schnell Alarm schlagen würde. Auch wer lektoriert, will ja sehr gute Arbeit abliefern und im Lektorat ist der Respekt vor dem Text immer das oberste Prinzip.
Um sich hier bestmöglich abzusichern, solltet ihr euch die Ausbildung und Referenzen der lektorierenden Person genau anschauen und auf jeden Fall vor der eigentlichen Buchung ein Probelektorat vereinbaren. Denn da merkt ihr anhand der Kommentare sehr schnell, ob jemand das Beste für eure Geschichte im Sinn hat und euch wirklich unterstützen will.
Und diese Unterstützung ist möglicherweise sogar noch größer, wenn eure Lektoratsperson selbst schreibt. Kommen wir somit zu den Vorteilen der Doppelfunktion Lektor:in/Autor:in.
Denn diese Person kann …
… nachfühlen, mit welchen Struggles Autor:innen zu kämpfen haben.
Sie weiß, dass Kritik wehtut und findet eine Balance zwischen Lob und konstruktiven Hinweisen, wo etwas noch nicht so gut funktioniert. Vielleicht fragt sie auch direkt nach, was du dir als Autorin beim Feedback zum Text wünschst und was dir bei der Überarbeitung hilft.
… Hinweise oft sehr treffsicher formulieren und lösungsorientierter mit Problemstellungen im Text umgehen.
Durch die eigene Schreibpraxis fällt es oft leichter, sich in Tonalität und Wortwahl anzupassen und somit wertvolle Vorschläge zur Ergänzung oder Umformulierung zu machen. Oft werden auch nicht nur die naheliegendsten Lösungen vorgeschlagen, sondern es wird auch mal um die Ecke gedacht und es finden sich unvorhergesehene, kreative Ideen.
… euch besser motivieren und besser auf euch eingehen, weil sie selbst die emotionale Seite des Schreibprozesses kennt und versteht.
Du brauchst handwerkliche Hilfestellung, weil du an einer Stelle festhängst und alle erlernten Kreativitätstechniken funktionieren nicht? Vielleicht gibt es doch noch etwas, das deiner Autorin-Lektorin in vergleichbaren Situationen hilft und sie kann es mit dir teilen.
Auch das Verständnis für Deadline-Schwierigkeiten kann hier noch ein wenig größer sein, denn wenn es schreibtechnisch gerade nicht laufen will, läuft es einfach nicht.
So. Kommen wir nun zu meinem eigenen Lektorat und dazu, was ich dabei gelernt habe.
Denn offenbar funktioniert mein Lektorinnen-Hirn wirklich komplett anders als mein Autorinnen-Hirn. Manche Hirnzellen dieser beiden Persönlichkeiten haben sich vermutlich noch nicht mal aus der Ferne zugewunken.
- Punkt eins: JEDE Person mit Veröffentlichungsabsicht braucht ein Lektorat. Punkt. Ausnahmen gibt es nur dann, wenn jemand schon sehr viel veröffentlicht hat, die eigenen Stolpersteine im Schlaf umgehen kann und sehr viel Sicherheit in der Überarbeitung gewonnen hat. Und: sich Zeit nimmt zwischen dem Schreiben und Überarbeiten.
- Punkt zwei: Du kannst dir bei Papyrus Autor Wortwiederholungen anzeigen lassen oder den Text selbst noch dreimal lesen und wie ein Trüffelschwein durch den Text gehen und nach gleichen oder ähnlichen Formulierungen suchen – du wirst sie nie alle finden. Meine Lieblinge waren beispielsweise »aus dem Staub machen« oder das Lächeln, das an den Mundwinkeln zupft. In anderen Worten: Betriebsblindheit gibt es wirklich.
- Punkt drei: Tippfehler sieht man genauso wenig. Und wenn es das Wort tatsächlich gibt, findet auch das zuverlässigste Schreibprogramm den Typo nicht. Obwohl ich mich immer noch frage, was sich Papyrus unter »Latzhase« vorstellt (ja, das stand bei mir im Manuskript). Ich könnte schwören, dass mir als Korrektorin sowas eigentlich auffällt. Nö. Tut es nicht.
- Punkt vier: Es ist so leicht, sich von witzigen Dialogen oder spannenden Ereignissen verleiten zu lassen – und man vergisst dabei allzu leicht den eigentlichen Plot. Das mag daran liegen, dass ich nicht akribisch plotte, aber auch dann gibt es Logikfehler, die man selbst erst sieht, wenn ein gepflegter Hä?-Kommentar am Rand steht. Und wenn es nur darum geht, dass eine Sache noch ein wenig ausführlicher beschrieben werden muss: das, was im Kopf des Schreibenden ist, landet noch längst nicht so verständlich auf dem Papier oder im Dokument.
- Punkt fünf: Der sprachlich-stilistische Teil meiner Texte, den kann ich mit meinem Lektoratswissen distanziert und differenziert betrachten, hier funktioniert es mit dem Selbstlektorat ganz gut. Aber die Inhalte, der Plot, die Charakterentwicklung? Dafür brauche ich den externen Blick, denn da verrenne ich mich zu sehr in meinem eigenen Kopf.
- Punkt sechs: Es braucht gar nicht ALL DIE HANDLUNG. Ich neige dazu, meine Geschichten mit Plotelementen zu überladen, weil ich immer wieder Angst habe, dass es zu langweilig werden könnte. Dabei ist gerade bei Liebesgeschichten die Charakterentwicklung – und die der Love Interests zueinander – das Interessanteste an der Geschichte.
Klar habe ich erstmal an mir gezweifelt, als das Lektorat zurückkam und saß dann so vor meinem Manuskript:
Aber genau diese Gefühle gehören zum Schreibprozess dazu und nachdem ich mir ein paar Tage genommen habe, alles durchzuarbeiten und die Vorschläge meiner Lektorin gedanklich durchzuspielen, fiel mir der Einstieg in die Überarbeitung leicht. Mir persönlich taten vor allem die Kommentare gut, die meine Lektorin mit »Wir« begonnen hat. Denn dadurch hatte ich das Gefühl, dass ich mit der Überarbeitung nicht allein bin. Und auch, dass sie an meine Geschichte glaubt.
Und bei allem Schmerz, den Kritik mit sich bringt, ist das doch das Allerwichtigste: dass man eben nicht allein ist.

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