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»Sagen« oder doch lieber »quieken«? – ODER: Die Sache mit den Inquit-Formeln

Inquit-Formel – was ist das? Klingt irgendwie nach Mathe. Dachte ich anfangs auch. Doch da ich es im Kontext von Dialogen gehört habe und mich noch an ein bisschen (wirklich nur ein bisschen) Latein aus Schulzeiten erinnere, habe ich scharf kombiniert:

 

… »inquit« ist Lateinisch für »sagte er/sie« …

… es geht um Dialoge …

 

… es muss wohl etwas mit Redebegleitsätzen zu tun haben (Spoiler: »Inquit-Formel« ist der schickere Begriff für das schnöde »Redebegleitsatz«).

 

Schließlich habe ich dann auch die folgende Definition ausgegraben:

 

Inquit-Formel = Begleitformel zur direkten Rede, gibt an, wer spricht oder auch, auf welche Art und Weise gesprochen wird (zum Beispiel »quieken«, aber dazu kommen wir später)

In diesem Artikel erfahrt ihr also alles über Inquit-Formeln. Namentlich schauen wir uns an …

… wozu Inquit-Formeln überhaupt da sind

… wie eine Inquit-Formel aufgebaut ist

… wo Inquit-Formeln im Dialog stehen

… welche Sprechverben wann sinnvoll sind

… was sonst noch zu beachten ist 

… welche Grammatikregeln in Dialogen gelten

Im Folgenden habe ich zunächst einen Beispieldialog verfasst, den wir anschließend gemeinsam mit Inquit-Formeln bestücken werden.

»Hast du gesehen, wie stark es über Nacht geschneit hat?«

»Und wie! Ich bin heute fast nicht aus der Haustür gekommen.«

»Die Straße ist komplett zu.«

»Und mir sind fast die Finger abgefroren, als ich das Auto freischaufeln wollte.«

»Warum machst du das überhaupt? Du kommst doch sowieso nicht weg. Hast du mir nicht zugehört? Die Straße ist komplett zu.«

Wozu gibt es überhaupt Inquit-Formeln?

Zum einen helfen die Redebegleitsätze natürlich dabei, die sprechende Person zu identifizieren und auch zu charakterisieren. Außerdem können damit schon Stimmung und Emotionen vermittelt werden. In einem Dialog helfen Inquit-Formeln den Lesenden bei der Orientierung.

 

Am Beispiel unseres Dialogs könnte das so aussehen:

 

»Hast du gesehen, wie stark es über Nacht geschneit hat?«, fragte Ellen aufgeregt.

»Und wie! Ich bin heute fast nicht aus der Haustür gekommen«, antwortete Antonella.

Wie ist eine Inquit-Formel aufgebaut?

Die klassische Inquit-Formel enthält:

  • Ein Sprechverb (z. B. »sagte«)
  • Das Subjekt/die sprechende Person (z. B. »sie«)
  • Manchmal auch ein Adverb (auf welche Weise gesprochen wird: genervt, schnell, … Diese sollten sparsam verwendet werden, aber auch dazu später mehr)

Auf den Dialog oben bezogen also:

 

»…«, fragte [Sprechverb] Ellen [sprechende Person] aufgeregt [Adverb].

Wo im Dialog wird die Inquit-Formel platziert?

Bei der Platzierung einer Inquit-Formel gibt es drei Möglichkeiten: Vorangestellt, mittendrin oder nachgestellt. Welche Vor- und Nachteile ergeben sich daraus?

 

»Hast du gesehen, wie stark es über Nacht geschneit hat?«, fragte Ellen aufgeregt.

 

Diese Inquit-Formel ist nachgestellt: Das „sagte sie“ ist neutral, fällt nicht weiter auf und wird möglicherweise gar nicht bewusst wahrgenommen. Für den Lesefluss ist das prima.

 

»Hast du gesehen«, begann Ellen, »wie stark es über Nacht geschneit hat?«

 

Hier steht die Inquit-Formel mitten im Satz. Da das in dem Moment jedoch ohne ersichtlichen Grund geschieht, erscheint der Satz auseinandergerissen und der Lesefluss wird gestört. Das sollte daher nur sehr pointiert und sehr sparsam verwendet werden.

 

Ellen fragte: »Hast du gesehen, wie stark es über Nacht geschneit hat?«

 

Sätze in dieser Art erinnern mich persönlich immer an die Bibel und das pathetische „Und Gott sprach: …“ – und genau so wirkt die vorangestellte Inquit-Formel: pathetisch. Die sprechende Person rückt mehr in den Fokus als der eigentliche Satz. In manchen Momenten lässt sich das ganz gezielt einsetzen (in einem späteren Blogartikel mehr dazu!), doch auch hier gilt: besser sparsam verwenden.

Welche Sprechverben sind wann sinnvoll?

Entgegen der Meinung der Deutsch-Lehrkräfte der fünften und sechsten Klassen (oder vielleicht gehe ich dabei auch zu sehr von meiner eigenen Schullaufbahn aus), zeugt es eben nicht von besonderer sprachlicher Gewandtheit, möglichst viele unterschiedliche Sprechverben in das eigene Manuskript zu packen.

 

Zu ausgefallene Sprechverben neigen dazu, bestenfalls vom Gesagten abzulenken, schlimmstenfalls den Text und/oder die sprechende Person ins Lächerliche zu ziehen. Hier wird das Quieken aus der Überschrift dieses Artikels wieder relevant. Akzentuiert und bewusst verwendet, kann aber auch ein Quieken dazu beitragen, eine Art zu sprechen zu verdeutlichen und das trägt zur Verdeutlichung des jeweiligen Charakters bei. Wie immer gilt: Es kommt auf den Kontext und auf die jeweilige Absicht an.

 

Was aber gut funktioniert (und vom Gehirn der Lesenden oft nur unbewusst wahrgenommen wird) und den Lesefluss erhöht, sind Sprechverben wie:

 

Sagen

Fragen

Antworten

Erwidern

Einwenden

Rufen

Schreien

Flüstern

 

 

Bewusst und punktuell können diese natürlich durch passende Verben ersetzt werden. Aber eben: bewusst und punktuell. Die Dramatik muss durch den Dialog selbst entstehen, nicht über die Extravaganz der gewählten Sprechverben.

Und was gibt es sonst noch zu beachten?

»Und mir sind fast die Finger abgefroren, als ich das Auto freischaufeln wollte«, lachte Antonella.

 

Habt ihr schon mal versucht, einen Satz zu lachen oder zu schluchzen? Wird eher schwierig, oder? Also – geht zumindest mir so (und glaubt mir, ich probiere oft Tonfälle oder Gesten aus beim Lektorieren und teste so auf Plausibilität).

Generell gilt: Was Mimik, Gestik oder Geräusche beschreibt, ist keine Inquit-Formel.

 

Hier empfiehlt es sich, den Zusatz von der wörtlichen Rede zu trennen. Denn wenn eine Handlung unmittelbar hinter dem gesprochenen Satz steht, ist auch dadurch klar, wer gesprochen hat.

 

»Und mir sind fast die Finger abgefroren, als ich das Auto freischaufeln wollte.« Antonella lachte.

 

Was macht nun aber eine Inquit-Formel mit den Lesenden, die wie folgt aussieht:

 

»Hast du mir nicht zugehört?«, stieß Ellen mit aufbrausender Stimme laut hervor.

 

Ganz schön dick aufgetragen, was? Bei den Adverbien ist (wie beispielsweise auch bei Adjektiven) weniger mehr. Zu viel davon lenkt eher vom Gesagten ab, als dass die Betonung unterstrichen wird. Nicht alles muss auserklärt werden. Lesende sind durchaus in der Lage, Subtext zu verstehen. Traut es ihnen zu!

 

»Hast du mir nicht zugehört?«, stieß Ellen hervor.

 

Das »hervorstoßen« ist ein recht starkes Verb und transportiert die Tonlage und die Art des Sprechens bereits sehr gut. Dies ist zugleich ein Beispiel für ein Verb des Sprechens, das sich für punktuellen Einsatz eignet und dadurch die Aussage des Satzes nochmals unterstreicht.

 

Nicht jeder Satz braucht unbedingt eine Inquit-Formel. Wenn klar ist, wer spricht (entweder durch eine besondere Sprechweise oder durch Einfließen der Rahmenhandlung), kann auf Begleitsätze sogar ganz verzichtet werden. Denn die Stimmung eines Gesprächs kann auch durch Blicke oder Gesten erlebbar gemacht werden.

 

Schauen wir uns das anhand unseres Gesprächs an:

 

»Hast du gesehen, wie stark es über Nacht geschneit hat?« Ellen griff nach ihrer Teetasse und nippte daran.

Antonella nickte. »Und wie! Ich bin heute fast nicht aus der Haustür gekommen.«

»Die Straße ist komplett zu.« Und das bereitet mir ein wenig Sorge. Doch diesen Satz sprach Ellen nicht laut aus. Sie wollte ihre Freundin nicht beunruhigen.

»Und mir sind fast die Finger abgefroren, als ich das Auto freischaufeln wollte.« Antonella hielt ihr die geröteten Hände entgegen, als müsste sie einen Beweis für ihre Aussage erbringen.

»Warum machst du das überhaupt?« Ellen bemühte sich um einen beherrschten Tonfall. Antonella hatte doch wohl nicht ernsthaft vor, bei diesem Wetter mit dem Auto zu fahren? »Du kommst doch sowieso nicht weg. Hast du mir nicht zugehört? Die Straße ist komplett zu.«

 

Formell ist wichtig, bei jedem Sprecherwechsel einen Absatz zu setzen. Nur so ist eindeutig klar, wer was sagt. Und das erhöht – ihr ahnt es – den Lesefluss.

 

Außerdem sollte möglichst bald (aka: möglichst nach dem ersten gesprochenen Satz) benannt werden, wer spricht. Stellt euch vor, ihr lest diese Aussage:

 

»Wenn es schneit, bin ich jedes Mal ganz kribbelig vor Aufregung. Dann möchte ich am liebsten gleich nach draußen rennen, einen Schneemann bauen oder mit Luzia eine Schneeballschlacht machen. Und Schneeeis essen! Gibt es etwas Besseres als Schneeeis?«

 

Wer hat das gesagt? Ellen? Antonella? Ein bisher unbeteiligter Dritter? Ellens Hund (vorausgesetzt, der könnte sprechen)? Über mehrere Zeilen bleiben die Lesenden im Ungewissen. Das lenkt die Aufmerksamkeit weg vom Text und hin zur Frage: Wer redet denn nun? Auch hier wird der Lesefluss gestört. Die Lösung? Ein Einschub nach dem ersten Satz:

 

»Wenn es schneit, bin ich jedes Mal ganz kribbelig vor Aufregung«, mischte sich nun auch Ellens Tochter Nora in das Gespräch ein. »Dann möchte ich am liebsten gleich nach draußen rennen, einen Schneemann bauen oder mit Luzia eine Schneeballschlacht machen. Und Schneeeis essen! Gibt es etwas Besseres als Schneeeis?«

 

Und dann gibt es noch die zeitliche Abfolge zu beachten. Lasst mal den folgenden Satz auf euch wirken und spürt nach, was in euch hochkommt:

 

Ellen erhob vorwurfsvoll die Stimme, als sie fragte: »Hast du mir nicht zugehört?«

 

Und? Habt ihr was gemerkt?

 

Zum einen haben wir hier die Verschiebung der Betonung durch die vorangestellte Inquit-Formel, zum anderen stimmt die zeitliche Abfolge nicht ganz. Wir wissen bereits, wie Ellen bei einem Satz klingt, den sie noch gar nicht gesprochen hat. Besser ist es hier, den Redebegleitsatz ans Ende zu stellen, vielleicht sogar, ihn zu einem ganz eigenen Satz zu machen.

 

Das klingt dann beispielsweise so:

 

»Hast du mir nicht zugehört?« Leiser Vorwurf färbte Ellens Stimme.

Und welche Grammatikregeln gelten denn nun?

Am liebsten erkläre ich die Dinge ja angewandt, »am lebenden Text« sozusagen. Daher habe ich hier einen kleinen Dialog zwischen Lektorin und Korrektorin (aka: eines meiner vielen Selbstgespräche^^) aufgeschrieben, das ich auch in Lektoraten gerne zitiere. Die zugrunde liegenden Regeln kann der DUDEN schlüssiger erklären, daher habe ich untenstehend sämtliche Links aufgelistet.

 

»Am Ende der wörtlichen Rede steht nur ein Punkt, wenn kein Redebegleitsatz folgt«, erklärt die Korrektorin.

»Wenn ich also den Satz für sich stehen lasse, brauche ich einen Punkt.« Die Lektorin nickt und nippt an ihrem Tee.

»Anders ist es, wenn du etwas ausrufst oder eine Frage stellst. Dann stehen am Ende der wörtlichen Rede Frage- oder Ausrufezeichen, egal, ob ein Redebegleitsatz folgt oder nicht. Verstehst du?«, fragt die Korrektorin.

»Natürlich verstehe ich das«, entgegnete die Lektorin, »aber verstehen das auch andere?«

 

Und mit dieser Unterhaltung sind wir am Ende unserer Reise durch die Welt der Inquit-Formeln angelangt. In einem der nächsten Blogposts wird es dann um die Gestaltung lebendiger Dialoge gehen.

 

Wie immer gilt: Ideen, Wünsche, Anregungen in die Kommentare oder in eine kurze Mail an [email protected]

 

Und wenn ihr das alles im Rahmen eines Lektorats anhand eurer eigenen Texte durchgehen möchtet, schreibt mir ebenfalls gern oder klickt euch zunächst hier durch meine Angebote.

DUDEN-Links:

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