Beim Lesen von packenden Büchern merken wir wohl alle recht schnell: Neben dem Tempo und dem Spannungsbogen der Geschichte sind es vor allem die vielschichtigen Charaktere, die uns Seite um Seite umblättern lassen und uns begeistern.
Doch wie erschaffen wir genau solche Figuren in unseren eigenen Texten? Genau dafür ist dieser Blogartikel da.
Heute schauen wir uns an …
… was einen guten und mehrdimensionalen Charakter ausmacht,
… was für jeden Charakter festgelegt werden sollte
… und wie ihr eure Charaktere selbst besser kennenlernen könnt
Dieser Artikel ist Teil meiner Serie zur Erschaffung nahbarer und runder Charaktere. Wenn ihr mehr dazu lesen wollt, schaut gerne auch hier vorbei.
Was macht also einen gut geschriebenen Charakter aus, mit dem man beim Lesen so richtig mitfiebert?
Stellt euch vor, ihr lest ein Buch, bei dem euch die Sprache komplett in den Bann zieht. Ihr fliegt nur so durch die ersten Seiten, aber irgendwann merkt ihr: Der Protagonist könnte mir gerade egaler nicht sein. Das kann gewollt sein, ist aber äußerst selten der Fall.
Meistens liegt es daran, dass die schreibende Person noch nicht genug Zeit mit ihrem Protagonisten verbracht hat und dessen Charakterstudie noch ein wenig vorantreiben sollte, damit aus ihm ein mitreißender Protagonist wird, der die Lesenden berührt und mit dem sie mitfiebern können.
Was braucht es also dazu?
Stärken und Schwächen. Ihr kennt das: Niemand ist vollkommen. Und oft machen einen die eigenen Schwächen erst richtig liebenswert. Nicht anders ist es bei Buchcharakteren. Überlegt euch daher: Was kann mein Protagonist richtig gut? Was so gar nicht und wo schlägt er sich irgendwie so durch, könnte aber Hilfe gebrauchen? Es gibt übrigens in der englischsprachigen Literatur Namen für so vermeintlich fehlerfreie Protagonist:innen, die keine Leserin hinter dem Ofen hervorlocken können: Mary Sue oder Gary Stu.
Eine nachvollziehbare Charakterentwicklung. Wir lieben es, Menschen dabei zuzusehen, wie sie Lösungen finden, dazulernen und es schließlich mit immer größer werdenden Herausforderungen aufnehmen. Wenn ein Charakter am Ende noch genauso drauf ist wie am Anfang und ihn die Ereignisse des Buches so gar nicht beeinflusst haben, ist das ziemlich eintönig und, ja, auch ein bisschen langweilig.
Konsistentes und nachvollziehbares Verhalten. Die Protagonistin ist ziemlich schüchtern, hat Schwierigkeiten, andere Leute anzusprechen, vielleicht auch Scheu, ans Telefon zu gehen – und plötzlich stellt sie sich ohne erkennbaren Grund mit der Gitarre in die Fußgängerzone und trällert ein Liedchen nach dem anderen. Klingt komisch? Ist es auch. Denn ein Charakter sollte sich immer so verhalten, wie es auch zu dem passt, was wir von ihm bisher on page gesehen haben. Wenn er das nicht tut, braucht es zumindest einen klaren Grund für die Verhaltensänderung (in unserem Fall gibt es vielleicht eine Wette, die die Protagonistin einlösen muss). Gibt es das nicht, kratzt das an der Vertrauensbasis der Lesenden. Um wirklich mitfühlen zu können, braucht es ein gewisses (aber auch nicht zu viel!) Maß an Vorhersehbarkeit und klare Linien, innerhalb derer sich die Geschichte bewegt.
Eine Hintergrundgeschichte, die das heutige Verhalten beeinflusst. Um das Verhalten so konsistent und nachvollziehbar zu halten wie möglich, hilft es, die Hintergrundgeschichte des Charakters selbst so gut wie möglich zu kennen. Nicht alles davon muss seinen Weg auf die Seiten des Buches finden, aber wenn ihr euch darüber im Klaren seid, was euren Charakter so geprägt hat und ihn handeln lässt, wie er eben handelt, spiegelt sich das fast automatisch in seinen Taten und Reaktionen wider.
Eine klare Motivation. Damit ist es fast so wie im »echten« Leben: Nur wer ein klares Ziel vor Augen hat, weiß auch, wohin der nächste Schritt führt. Und der nächste. Und der nächste. Ähnlich ist es mit der Protagonistin: Warum tut sie die Dinge, die sie tut? Genau dieser Antrieb fungiert gleichsam als Anker der Geschichte.
Welche Dinge sollten für jeden (Haupt-)Charakter schon im Voraus festgelegt werden? Ein paar Fragen zur Charakterentwicklung.
Was will der Charakter mehr als alles andere? Was braucht er oder muss er im Laufe der Geschichte lernen?
Die Antwort auf diese beiden Fragen ist in den seltensten Fällen die gleiche. Besonders interessant wird es dann, wenn die Antworten in die komplett entgegengesetzte Richtung laufen.
Eine Frau will eine gefeierte Singer-Songwriterin werden, um endlich allen zu zeigen, was sie draufhat – doch als sie am Ziel angekommen ist, stellt sie fest, dass sie auch das nicht erfüllt. Erst als sie ihre Partnerin kennenlernt, begreift sie, dass sie eigentlich nach echter Verbundenheit gesucht hat und nicht nach dem oberflächlichen Glanz und Glitzer der Musikbranche.
Was treibt den Charakter an?
Bei der Motivation unterscheiden wir zwei Kategorien: intrinsische und extrinsische Motivation. Intrinsische Motivation findet die Person in sich selbst, extrinsische Motivation entsteht von außen, beispielsweise, wenn jemand erpresst wird, etwas zu tun, um die eigene Familie zu retten. Eine intrinsische Motivation wäre hingegen, wenn jemand von sich aus aufbricht, um einen Schatz zu finden, um damit seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen.
Was steht dem Charakter im Weg? Was könnte er im schlimmsten Fall verlieren?
Diese Fragen bestimmen ein ganz wichtiges Element im Storytelling: die Fallhöhe. Je mehr die Protagonistin zu verlieren hat, desto mehr Spannung baut sich auf.
Wie reagiert der Charakter unter Druck?
Wie eine Person in Konfliktsituationen reagiert, ist stark mit ihrem Charakter verwoben. Da vermutlich alle eure Protagonist:innen mindestens einmal im Laufe der Geschichte vor einer großen Herausforderung stehen, ist es sinnvoll, sich darüber bereits im Voraus Gedanken zu machen.
Grundsätzlich werden dabei vier Reaktionen unterschieden: Fight (also Kampf, auf in die Konfrontation!), Flight (Flucht, bloß weg hier!), Freeze (das sprichwörtliche Eichhörnchen vor der Schlange, das sich gar nicht mehr bewegen kann vor Schreck) oder Fawn (der Versuch, das Gegenüber irgendwie zu beschwichtigen und sich dabei zu Kompromissen oder Zugeständnissen hinreißen lassen, die man eigentlich gar nicht machen wollte).
Wo kommt der Charakter her? Was hat er bisher erlebt, das ihn geprägt hat?
Nicht umsonst beschäftigen sich viele Psycholog:innen heute mit dem inneren Kind und den Prägungen unserer Kindheit. Viele unserer Verhaltensweisen haben wir von unseren Eltern erlernt und übernommen, einige unserer prägendsten Erfahrungen gehen auf unsere Kindheit zurück. Nicht anders ist es bei den Protagonist:innen unserer Geschichten. Wenn wir wollen, dass diese möglichst vielschichtig wirken, sollten wir als Autor:innen ihre Hintergründe kennen und ganz genau verstehen, warum sie so handeln, wie sie eben handeln.
Was versucht der Charakter zu verstecken? Was muss passieren, damit er gegen seine eigene Überzeugung handelt?
Wir alle haben unsere Geheimnisse und Dinge, die wir anderen lieber nicht erzählen. Ebenso haben wir unsere Werte und Überzeugungen. Umso interessanter wird es, wenn wir diese plötzlich verraten und anders handeln, als es von uns erwartet wird. Wie weit würden eure Charaktere gehen, um ihre eigenen Werte zu verteidigen? Und was muss passieren, damit sie ihre Werte in den Wind schlagen und das komplette Gegenteil tun würden?
Wie könnt ihr eure Charaktere (noch) besser kennenlernen?
Je nachdem, ob bei euch der Plot oder die Charaktere zuerst da waren, wisst ihr vielleicht schon sehr gut, wer da mietfrei in eurem Kopf wohnt und über die Seiten eures Dokuments hüpft. Für alle, die aber noch Schwierigkeiten haben, die Bedürfnisse und Motivation ihrer Protagonist:innen zu benennen, habe ich hier ein paar Tipps und Tricks versammelt.
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Tagebuch schreiben aus Sicht eures Charakters
Stellt euch vor, nicht ihr hättet euren Tag erlebt, sondern euer Hauptcharakter. Was wäre ihm aufgefallen, wie hätte er in den jeweiligen Situationen reagiert, womit hätte er seine Zeit
verbracht? Wie blickt er generell auf die Welt? Pessimistisch, hoffnungsvoll, knallhart realistisch oder doch eher verträumt?
Natürlich müsst ihr nicht zwingend euren eigenen Tagesablauf nehmen, sondern könnt euch auch einen Tag in der Welt eures Charakters vorstellen und den beschreiben. Oder ihr pickt euch eine
spezielle Situation aus, in der ihr euch noch mal genau in den Kopf eures Charakters hineinversetzt und die beschreibt.
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Cosplay
Cosplay ist ein sogenanntes Kofferwort und setzt sich zusammen aus den Wörtern Costume und Play – das heißt, man verkleidet sich als ein Charakter aus Buch, Film, Serie oder Computerspiel.
Das Gleiche könnt ihr auch mit euren eigenen Charakteren tun, wobei es natürlich ungleich schwerer wird, wenn ihr beispielsweise Drachenfantasy schreibt. Aber so ein Tag in den Lieblingsklamotten
eures Hauptcharakters, an dem ihr vielleicht auch noch dessen Lieblingsessen kocht und euch gönnt, stärkt eure Bindung sicher noch ein wenig mehr!
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Übungen aus der Psychotherapie
In der Psychotherapie gibt es eine Übung, in der zwei Stühle einander gegenüber platziert werden – man selbst nimmt auf einem davon Platz, der andere bleibt leer. Zumindest in der Realität.
In der eigenen Vorstellung sitzt dort die Person, der man gerade etwas zu sagen hat. Und dann wechselt ihr die Stühle und ihr versetzt euch in die Person hinein und versucht, aus deren
Perspektive eine Antwort zu formulieren. Das beschreibt jetzt zwar nur ansatzweise die Komplexität der Übung, aber eurer eigenen Kreativität sind dabei natürlich keine Grenzen gesetzt. Wichtig
ist nur, in Kontakt mit eurem Charakter zu treten und diesen so gut wie möglich kennenzulernen.
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Persönlichkeitstests im Internet machen
Hierbei gibt es unterschiedlichste Möglichkeiten und Vorlieben. Der gängigste Persönlichkeitstest ist der Myers-Briggs-Test, der 16 Archetypen unterscheidet. Ihr müsst nicht unbedingt alle Fragen
für alle eure Charaktere beantworten, oft reicht es auch schon, in den Profilen zu lesen und sich dort eine Persönlichkeit auszusuchen und zusammenzubasteln, die am besten zum Charakter in eurem
Kopf passt.
Dennoch ist hier eine gewisse Vorsicht geboten: Menschen sind unglaublich vielfältig und lassen sich nie 1:1 in eine Schablone pressen. Nehmt die Profile als Stütze und Inspiration, aber
beschränkt euch nicht ausschließlich darauf.
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Charakterfragebögen ausfüllen
Der Name sagt eigentlich schon alles und hier unten findet ihr dazu außerdem eine Grafik, die ihr euch gerne abspeichern dürft. Wenn ihr diese Fragen für eure Hauptcharaktere beantwortet, habt
ihr schon einen sehr guten Grundstock, um sie nachvollziehbar und schlüssig handeln zu lassen.
In einem der nächsten Artikel schauen wir uns dann an, wie ihr die erarbeiteten Charaktere auf die Seite bringt, damit ihr ohne große Erklärungen ein scharf umrissenes Bild eurer Protagonst:innen zeichnen könnt.
Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, das alles ganz konkret an euren eigenen Texten durchzuspielen und daran zu feilen. Ob im Rahmen eines Lektorats oder einer Schreibbegleitung, beides ist möglich. Schreibt mir gern oder klickt euch zunächst hier durch meine Angebote.
Wie immer gilt: Ideen, Wünsche, Anregungen in die Kommentare oder in eine kurze Mail an [email protected]

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