Es ist eine unscheinbare Änderung und doch ist es mit Abstand diejenige, die ich in Lektoraten am häufigsten vornehme: Absätze in belletristischen Texten einfügen oder herausnehmen.
Doch wozu braucht es eigentlich Absätze? Das lasse ich euch dieses Mal zunächst selbst herausfinden. Als Beispiel dienen mir heute Textausschnitte aus meinem eigenen Roman »Brewing Tension«, der im Frühjahr 2026 im Ylva Verlag erscheint.
Natürlich klemmte jetzt auch noch das Schloss der Wohnungstür. War ja nichts Neues. Ebenso wie es nichts Neues war, dass Charlotte Tränen in die Augen traten und ihre Sicht verschwamm. Warum nur musste ihre Wut die furchtbare Angewohnheit haben, sich in flüssiger Form den Weg an die Oberfläche zu bahnen? Sie war kurz davor, ihren Ärger ins Treppenhaus zu schreien. Aber dann wäre wohl endgültig der Punkt erreicht, an dem ihre Nachbarn beschlossen, sie mit Mistgabeln und Harken (und sonstigem Gerät, mit dem sie ihre Gärten und Balkone pflegten) aus dem Gebäude zu treiben. Doch damit hätte sie die zweite Kündigung innerhalb eines Tages am Hals. Auch wenn sie diese dann nur indirekt selbst zu verantworten hätte. Trotzdem. Nein, danke. Noch einmal rüttelte sie am Türknauf. Der Schlüsselbund klirrte und das Geräusch hallte von den hohen Wänden des Altbaus wider – eine weitere Möglichkeit, den Unmut der Nachbarn auf sich zu ziehen. Scheppernd ging einer der Schlüsselanhänger zu Boden. Charlotte sah nach unten. Der pinke Karabinerhaken. Natürlich. Und natürlich war der Schnappverschluss abgebrochen, sodass es von vornherein aussichtslos war, das Ding zu reparieren.
Ziemlich wuchtig, oder? Ich weiß nicht, wie es euch beim Lesen gegangen ist, aber mich erschlägt dieser Textblock förmlich und so richtig Lust zum Reinlesen habe ich bei solchen »Walls of Text« nicht gerade.
Jetzt kann man natürlich auf die Idee kommen, das Ganze mit ein paar Absätzen aufzulockern. Wenn man allerdings dabei zu tief in die Absatz-Trickkiste greift, schaut der Text dann schnell mal so aus:
Natürlich klemmte jetzt auch noch das Schloss der Wohnungstür. War ja nichts Neues. Ebenso wie es nichts Neues war, dass Charlotte Tränen in die Augen traten und ihre Sicht verschwamm.
Warum nur musste ihre Wut die furchtbare Angewohnheit haben, sich in flüssiger Form den Weg an die Oberfläche zu bahnen?
Sie war kurz davor, ihren Ärger ins Treppenhaus zu schreien.
Aber dann wäre wohl endgültig der Punkt erreicht, an dem ihre Nachbarn beschlossen, sie mit Mistgabeln und Harken (und sonstigem Gerät, mit dem sie ihre Gärten und Balkone pflegten) aus dem Gebäude zu treiben.
Doch damit hätte sie die zweite Kündigung innerhalb eines Tages am Hals. Auch wenn sie diese dann nur indirekt selbst zu verantworten hätte.
Trotzdem. Nein, danke.
Noch einmal rüttelte sie am Türknauf. Der Schlüsselbund klirrte und das Geräusch hallte von den hohen Wänden des Altbaus wider – eine weitere Möglichkeit, den Unmut der Nachbarn auf sich zu ziehen.
Scheppernd ging einer der Schlüsselanhänger zu Boden. Charlotte sah nach unten. Der pinke Karabinerhaken. Natürlich. Und natürlich war der Schnappverschluss abgebrochen, sodass es von vornherein aussichtslos war, das Ding zu reparieren.
Wir merken vermutlich alle: Das liest sich zwar flüssiger, wirkt aber auch unruhig und zumindest ich werde beim Lesen solcher Texte ganz zappelig. Das kann ein gewünschter Effekt sein, aber darauf gehen wir später noch ein – und auch darauf, wie ich das in meinem Fall gelöst habe.
Was bewirken Absätze also?
Zunächst: Absätze sorgen für Struktur und Verständlichkeit. Die gröbste Struktur stellt die Kapitelaufteilung dar, Umbrüche sind praktisch deren kleine Schwester. (Leerzeilen beziehungsweise Absätze innerhalb eines Kapitels wären demnach die mittlere.)
Und da sind wir schon bei einer Definitionsfrage, denn eben habe ich Absatz und Umbruch redundant verwendet.
Fachsprachlich wird zwischen Absatz und Umbruch unterschieden. Als Umbruch wird die bewusste Unterbrechung einer Zeile durch einmaliges Drücken der ENTER-Taste bezeichnet, um in der nächsten Zeile einen neuen Satz zu beginnen. Ein Absatz hingegen wird durch zweimaliges Drücken der ENTER-Taste erzeugt, wodurch neben einer Unterbrechung in der Zeile selbst auch noch eine darauffolgende Leerzeile erzeugt wird. Umgangssprachlich wird »Absatz« für beides verwendet und so werde ich das auch in diesem Artikel handhaben.
Der zweite Effekt von Absätzen ist die erleichterte Orientierung im Text, wenn man beispielsweise kurz abgelenkt war und dann den Blick wieder auf die Seite richtet. Außerdem zeigen sie an, dass ein Gedanke oder eine Handlung inhaltlich abgeschlossen ist und ein neuer beginnt. Das erzeugt Dynamik und gibt neuen Schwung.
Das Setzen einer Leerzeile (also eines »echten« Absatzes nach der oben genannten fachsprachlichen Definition) ist eher in Ausnahmefällen sinnvoll, nämlich dann, wenn ein größerer Wechsel innerhalb der Szene erfolgt – eine größere Zeitspanne liegt zwischen den einzelnen Szenen oder es gibt einen räumlichen Wechsel, vielleicht auch einen Wechsel der Perspektive.
Wichtig dabei: Es gibt keine Blaupause für Absätze und keine festen Regeln. Immer fließt auch eine große Portion Geschmack und persönlicher Stil mit ein. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass ein Absatz immer dann seine Berechtigung hat, wenn ein Gedanke oder eine Handlung endet und eine neue beginnt.
Weiterhin zeigt ein Absatz an, wenn sich die Wahrnehmung ändert. Wenn ein Charakter beispielsweise eine längere Innenschau gehalten hat – oder gerade in einer längeren Rückblende verharrt hat – macht ein sauberer Absatz klar, ab wann wir wieder in der Gegenwart des Charakters ankommen und dieser seinen Fokus erneut auf die Außenwelt richtet.
Auch dann, wenn die Stimmung oder Emotionalität einer Szene wechselt, wird das durch einen gezielt gesetzten Absatz nochmals verdeutlicht.
Kurze Absätze können natürlich auch gezielt eingesetzt werden, um Tempo zu erzeugen, sollten aber genau deshalb nicht inflationär eingesetzt werden, weil der Effekt sonst verpufft.
In meinem eigenen Text habe ich es wie folgt gelöst:
Natürlich klemmte jetzt auch noch das Schloss der Wohnungstür. War ja nichts Neues. Ebenso wie es nichts Neues war, dass Charlotte Tränen in die Augen traten und ihre Sicht verschwamm. Warum nur musste ihre Wut die furchtbare Angewohnheit haben, sich in flüssiger Form den Weg an die Oberfläche zu bahnen?
[Abgeschlossener Gedanke, rhetorische Fragestellung – im nächsten Absatz beginnt eine neue Argumentationskette und gleichzeitig erfolgt ein Wechsel in der Stimmung. Wollte Charlotte eben noch weinen, will sie gleich schreien.]
Sie war kurz davor, ihren Ärger ins Treppenhaus zu schreien. Aber dann wäre wohl endgültig der Punkt erreicht, an dem ihre Nachbarn beschlossen, sie mit Mistgabeln und Harken (und sonstigem Gerät, mit dem sie ihre Gärten und Balkone pflegten) aus dem Gebäude zu treiben. Doch damit hätte sie die zweite Kündigung innerhalb eines Tages am Hals. Auch wenn sie diese dann nur indirekt selbst zu verantworten hätte. Trotzdem. Nein, danke.
[Abgeschlossener Gedanke und im nächsten Absatz beginnt eine neue Handlung und wir wechseln von der gedanklichen auf die Handlungsebene.]
Noch einmal rüttelte sie am Türknauf. Der Schlüsselbund klirrte und das Geräusch hallte von den hohen Wänden des Altbaus wider – eine weitere Möglichkeit, den Unmut der Nachbarn auf sich zu ziehen. Scheppernd ging einer der Schlüsselanhänger zu Boden. Charlotte sah nach unten. Der pinke Karabinerhaken. Natürlich. Und natürlich war der Schnappverschluss abgebrochen, sodass es von vornherein aussichtslos war, das Ding zu reparieren.
Sonderfall Dialoge
Wenn zwei Charaktere miteinander sprechen, sind Absätze noch mal eine Spur hilfreicher. Lasst uns das gleiche Spiel wie oben spielen:
»Hast du Zeit? Jetzt?«, fragte Charlotte, ohne sich lange mit Begrüßungsformeln aufzuhalten. Am anderen Ende der Leitung spielte jemand ein Gitarren-Riff an, dann wummerte ein kurzes Drum-Solo. »Ich weiß nicht, ob du’s hören kannst …«, begann Sebastian überflüssigerweise. »… aber du hast heute Bandprobe«, beendete Charlotte den Satz. Normalerweise machte ihr das nichts aus, aber heute hätte sie ihren besten Freund wirklich dringend gebraucht. »Was gibt’s denn?« Das Schrammeln der Instrumente im Hintergrund wurde leiser, offenbar war Sebastian auf dem Weg nach draußen. »Ach, ich hab gekündigt.«
Neben dem Problem der Textwand von oben kommt beim Lesen auch ziemliche Verwirrung auf, denn: Wer spricht denn jetzt genau? Was sagt Charlotte, was Sebastian? Wenn wir uns konzentrieren und den Kontext erfassen, mag das noch irgendwie klar werden, aber es strengt schon ziemlich an, oder?
Sinnvoll ist hier das Setzen von Absätzen nach Sprecher:innenwechsel:
»Hast du Zeit? Jetzt?«, fragte Charlotte, ohne sich lange mit Begrüßungsformeln aufzuhalten. Am anderen Ende der Leitung spielte jemand ein Gitarren-Riff an, dann wummerte ein kurzes Drum-Solo.
»Ich weiß nicht, ob du’s hören kannst …«, begann Sebastian überflüssigerweise.
»… aber du hast heute Bandprobe«, beendete Charlotte den Satz. Normalerweise machte ihr das nichts aus, aber heute hätte sie ihren besten Freund wirklich dringend gebraucht.
»Was gibt’s denn?« Das Schrammeln der Instrumente im Hintergrund wurde leiser, offenbar war Sebastian auf dem Weg nach draußen.
»Ach, ich hab gekündigt.«
Die Absätze bei Sprecher:innenwechsel kennzeichnen, wer wann spricht und berücksichtigen auch Handlungen, die während eines Dialogs passieren. Beispielsweise gehört das Schrammeln der Instrumente oben noch zu Sebastians Passage, weil es auf seiner Seite der Leitung passiert – auch wenn es mit seiner Nachfrage zuvor erstmal nichts zu tun hat. Zur lebendigen Gestaltung von Dialogen und zur korrekten Verwendung von Redebegleitsätzen habe ich übrigens auch einen Blogartikel geschrieben.
Praxis-Tipps
Selbstverständlich gibt es auch ein paar Tricks, wie ihr Absätze sicher und zuverlässig setzen könnt, um zumindest einen Teil der Zweifel zu nehmen.
Laut vorlesen. Wann immer ihr beim flüssigen Lesen eine Pause macht, ist ein Absatz an dieser Stelle vermutlich sinnvoll.
Nach jedem Absatz fragen, worum es eigentlich ging. Wenn es eine klare Antwort gibt und es um mehr als eine Sache geht, dann sollte der Absatz nochmals getrennt werden.
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Da wir nun die inneren Werte des Textes abgeklappert haben, schauen wir uns noch kurz die Äußerlichkeiten an:
Die Formatierung
Was die Formatierung von Manuskripten angeht, gibt es natürlich auch bei Absätzen und Umbrüchen ein paar Dinge zu beachten, auf die ich im Folgenden noch kurz eingehen möchte.
- Einzüge am Beginn eines Absatzes einfügen: Dies geht in Word einfach über Start > Absatz > Sondereinzug > Erste Zeile und sollte irgendwo zwischen 0,5 und 1,25 Zentimetern liegen. Wenn das für das ganze Dokument einheitlich ist, gibt es auch keine Probleme, wenn das Manuskript später im Buchsatz in andere Verarbeitungsprogramme übertragen wird. Einzüge sind deshalb sinnvoll, weil sie es den Augen erleichtern, den Beginn eines neuen Absatzes zu finden.
- Seitenumbrüche am Kapitelende setzen: Dies geht in Word einfach über Einfügen > Seiten > Seitenumbruch. Damit beginnt das nachfolgende Kapitel automatisch auf einer neuen Seite, ganz egal, wie viel ihr im vorhergehenden Kapitel nachträglich noch einfügt.
- Kapitel auch als solche formatieren: Dies geht in Word einfach über Start > Formatvorlagen. Hier könnt ihr zwischen unterschiedlichen Überschriftsformaten wählen und die Kapitel sind sauber voneinander abgegrenzt.
Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, das alles ganz konkret an euren eigenen Texten durchzuspielen und daran zu feilen. Ob im Rahmen eines Lektorats oder einer Schreibbegleitung, beides ist möglich. Schreibt mir gern oder klickt euch zunächst hier durch meine Angebote.
Wie immer gilt: Fragen, Ideen, Wünsche, Anregungen in die Kommentare oder in eine kurze Mail an [email protected]
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